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Rasterweite und LPI: warum die Rasterung die Textschärfe beeinflusst

Kleiner Text auf einer Visitenkarte oder einem Etikett kommt manchmal unscharf aus dem Druck, obwohl er in der Datei messerscharf aussah. Der Übeltäter ist oft nicht die Bildauflösung, sondern das Raster und seine Frequenz, also LPI.

Ein Kunde schickt eine Datei, in der die Fußzeile mit den Kontaktdaten 6 Punkt groß ist. Im PDF auf dem Bildschirm sieht sie kristallklar aus. Nach dem Druck verschmelzen die Buchstaben zu einem grau-schwarzen Fleck, und manche Serifen verschwinden schlicht. Die erste Reaktion ist meist: „mit eurer Maschine stimmt etwas nicht“. Nein, die Maschine ist in Ordnung. Das Problem sitzt tiefer, in der Natur des Offsetdrucks selbst, und heißt Rasterung.

Was ist überhaupt ein Druckraster

Ein Druckraster ist die Methode, mit der die Druckmaschine dein Auge täuscht, damit es einen fließenden Grau- oder Farbton sieht, obwohl auf dem Papier physisch nur eine einzige Farbe liegt, Punkt neben Punkt. Der Offsetdruck kann, anders als ein Tintenstrahldrucker oder manche Digitaldruckverfahren, keine Farbe mit halber Kraft auftragen. An einem bestimmten Punkt ist entweder Farbe vorhanden oder nicht. Der ganze Trick besteht darin, dass die Farbpunkte unterschiedlich groß sind und unterschiedliche Abstände haben, und das Auge mischt sie aus Leseentfernung zu einem einheitlichen Ton.

Es ist genau derselbe Mechanismus wie bei alten Zeitungen, wo ein Foto aus der Nähe in ein Raster schwarzer Punkte zerfällt, aus der Ferne aber wie ein Foto aussieht. Der Unterschied liegt nur darin, wie dicht diese Punkte angeordnet sind, und genau hier kommt LPI ins Spiel.

Was genau bedeutet LPI

LPI, also lines per inch, ist die Anzahl der Rasterlinien pro Zoll und gibt an, wie dicht die Reihen der Rasterpunkte angeordnet sind. Je höher der LPI-Wert, desto feiner und dichter gepackt sind die Punkte, also desto mehr Detail und fließendere Tonübergänge. Ein Standard-Zeitungsoffset arbeitet mit etwa 85 bis 100 LPI, kommerzieller Offset auf einer guten Maschine üblicherweise im Bereich von 150 bis 200 LPI, und bei Premiumarbeiten trifft man sogar auf 300 LPI.

Menschen verwechseln LPI mit DPI, dabei sind das zwei völlig verschiedene Dinge. DPI ist die Auflösung des Geräts, also wie viele physische Punkte ein Belichter oder Drucker pro Zoll setzen kann. LPI ist die Dichte der Rasterlinien, also wie diese Punkte zu größeren Tonstrukturen organisiert sind. Eine Rasterzelle bei 150 LPI besteht üblicherweise aus mehreren mal mehreren mikroskopischen DPI-Punkten, damit sich ein fließender Übergang von Weiß bis zum Volltonwert ergibt. Hohes DPI bei niedrigem LPI ergibt eine scharfe, aber grobkörnige Rasterung. Hohes LPI bei niedrigem DPI funktioniert überhaupt nicht, weil dann Punkte fehlen, um den Verlauf aufzubauen.

Woher kommt der Zusammenhang zwischen LPI und Textschärfe

Text muss, anders als ein Foto, theoretisch überhaupt nicht gerastert werden, denn ein Buchstabe, der zu 100% Schwarz gedruckt wird, ist einfach ein voller Farbfleck, ohne dass ein Halbton aufgebaut werden müsste. Das Problem beginnt dort, wo Text keine reine 100%-K-Schwarzfarbe ist, sondern zum Beispiel ein dunkles Grau, eine Farbe aus einer CMYK-Mischung, oder eine sehr feine Schrift, die auf einem gerasterten Bildhintergrund sitzt oder an einer Stelle, wo die Textfarbe aus überlagerten Rastern mehrerer Farben entsteht.

Dann hört der Buchstabe auf, ein einheitlicher Farbfleck zu sein, und wird zu einer Zusammensetzung mehrerer Rasterebenen, jede in einem anderen Winkel, jede aus eigenen Punkten aufgebaut. Bei großem Text mittelt das Auge das ohnehin aus. Bei kleinem Text, sagen wir unter 7 bis 8 Punkt, wird die Größe eines einzelnen Rasterpunkts vergleichbar mit der Strichstärke der Buchstaben, und dann verliert der Buchstabe seine scharfen Konturen, weil sein Rand aus gezackten, einzelnen Punkten aufgebaut wird statt aus einer glatten Vektorlinie.

Ein einfacher Gedankentest: Stell dir vor, du zeichnest den Buchstaben „a“ nicht mit einem Stift, sondern indem du kleine quadratische Mosaiksteinchen nebeneinanderlegst. Je größer die Steinchen im Verhältnis zum Buchstaben sind, desto ausgefranster und weniger lesbar wird die Form. Genau das Gleiche passiert mit Text, der bei niedrigem LPI oder in zu kleiner Größe gerastert wird.

Wie sieht das in der Praxis anhand eines konkreten Beispiels aus

Nehmen wir an, du gestaltest ein Etikett für ein Marmeladenglas und möchtest in der Fußzeile die Zutatenliste und Nährwertangaben in 6 Punkt Schriftgröße unterbringen, in 70% Schwarz, weil dir volles Schwarz grafisch zu kontrastreich erschien. Bei einem Raster von 150 LPI, typisch für kommerziellen Offsetdruck auf Etiketten, hat ein einzelner Rasterpunkt in diesem Farbton eine Breite von etwa einigen Dutzend bis über hundert Mikrometern. Der Strich eines Buchstabens bei 6 Punkt hat eine ähnliche Größenordnung an Stärke. Der Effekt ist, dass die Buchstabenkontur an den Punkten zu „verschwimmen“ beginnt, statt eine glatte Linie zu sein, und bei etwas schlechterem Passer auf der Maschine verliert der Buchstabe zusätzlich an Kontrast.

Derselbe Text, gedruckt in 100% Schwarz, ohne Rasterung, in derselben Größe, sieht merklich schärfer aus, weil die Maschine einen vollen, einheitlichen Farbfleck aufträgt statt eines Punktrasters. Das ist einer der Gründe, warum erfahrene Grafiker sich an eine einfache Regel halten: kleiner Text immer zu 100% einer Farbe, am besten Schwarz, niemals als prozentuale Mischung und niemals als Überlagerung mehrerer CMYK-Farben.

Die häufigsten Fehler, die die Schärfe von kleinem Text ruinieren

Der erste und häufigste Fehler ist, schwarzen Text als sogenanntes Registerschwarz einzustellen, also 100% in allen vier CMYK-Kanälen statt reinem 100% K. Solcher Text sieht bei kleinen Größen fast immer verschwommen aus, weil er aus vier überlagerten Rastern in unterschiedlichen Winkeln besteht, und bei der kleinsten Passerungenauigkeit der Maschine bekommen die Buchstaben einen farbigen Schimmer. Wir haben Dateien gesehen, in denen der gesamte Text auf einer Visitenkarte, einschließlich der 6-Punkt-DSGVO-Klausel in der Fußzeile, in vierfarbigem Schwarz gesetzt war, weil jemand die Einstellungen aus einer großen Überschrift kopiert und vergessen hatte, sie anzupassen.

Der zweite Fehler ist, Text auf einem farbigen, gerasterten Hintergrund ohne ausreichenden Kontrast zu gestalten. Der Buchstabe selbst kann scharf sein, aber wenn der Hintergrund darunter aus einem groben Raster mit niedrigem LPI besteht, verliert das Auge die Textkontur im Rauschen des Hintergrunds. Ein dritter, weniger offensichtlicher Fehler ist die Verwendung zu dünner Schriftschnitte, zum Beispiel Light oder Thin, in Größen unter 8 Punkt. Der dünne Strich einer solchen Schrift ist manchmal schmaler als eine einzelne Rasterzelle, sodass das RIP-Programm ihn abrunden oder verdicken muss, damit er überhaupt gedruckt werden kann, und das Ergebnis ist oft unvorhersehbar.

Was bei kleinem Text zu vermeiden ist: Stelle kleinen Text nicht als CMYK-Registerschwarz 100/100/100/100 ein. Gestalte keinen mikroskopisch kleinen Text auf gerastertem, mehrfarbigem Hintergrund. Verwende keine dünnen, dekorativen Schriftschnitte unter 8 Punkt, wenn dir die Lesbarkeit nach dem Druck wichtig ist.

Löst ein höherer LPI-Wert das Problem immer

Nicht immer, auch wenn er hilft. Ein höherer LPI-Wert ergibt ein feineres Raster, sodass die Punkte mit bloßem Auge weniger sichtbar sind und Text auf gerastertem Hintergrund schärfer wirkt. Aber ein höherer LPI-Wert hat seinen technologischen Preis: er erfordert einen sehr guten Passer der Farben auf der Maschine, ein hochwertiges Papier mit geringer Saugfähigkeit (denn auf saugfähigem Papier, wie ungestrichenem Offsetpapier, verläuft die Farbe, und feine Rasterpunkte verschmelzen unabhängig vom LPI-Wert zu einem Fleck) sowie einen Belichter, der feine Strukturen wiedergeben kann. Deshalb ist die Wahl der Rasterfrequenz immer ein Kompromiss zwischen Bedruckstoff, Maschine und gewünschter Qualität, kein einfacher Schalter nach dem Motto „mehr ist besser“.

Die eigentliche Lösung des Schärfeproblems bei kleinem Text besteht nicht darin, den LPI-Wert ins Unendliche zu erhöhen, sondern darin, die Rasterung von Text zu vermeiden, wo immer es möglich ist. Text zu 100% einer Farbe wird nicht als Halbton gerastert, sondern als voller Farbfleck gedruckt, sodass seine Schärfe hauptsächlich von der Auflösung der Plattenbelichtung und der Präzision der Vektoren in der Datei abhängt, und überhaupt nicht vom LPI-Wert.

Wie man eine Datei vorbereitet, damit kleiner Text scharf wird

Regel Nummer eins, die von jedem erfahrenen Druckvorstufen-Fachmann wiederholt wird: den gesamten schwarzen Text, besonders unter 10 Punkt, immer als 100% K einstellen, ohne Beimischung von Cyan, Magenta und Yellow. Regel Nummer zwei: kleinen Text nicht direkt auf komplexen, mehrfarbigen Fotos oder Verläufen platzieren, und falls doch nötig, eine einheitliche, einfache Farbfläche oder eine Kontur darunterlegen, damit der Buchstabe einen sauberen Kontrast hat.

Der dritte Punkt ist die Auflösung der Datei selbst, denn obwohl das ein anderer Parameter als LPI ist, wirken beide zusammen. Produktionsstandard bei Offset- und Digitaldruck sind 300 dpi im Maßstab 1:1, und das gilt auch für grafische Elemente, auf denen Text platziert wird, nicht nur für Fotos. Eine Datei, die in niedrigerer Auflösung vorbereitet wurde, liefert dem RIP so oder so nicht genug Daten, um ein scharfes Raster aufzubauen, unabhängig vom auf der Maschine eingestellten LPI-Wert.

Auch das Dateiformat spielt eine Rolle. Bevorzugt wird ein Druck-PDF, am besten als PDF/X-1a gespeichert, oder ein korrekt vorbereitetes Komposit-PDF, denn eine solche Datei behält Text als Vektor, nicht als gerastertes Bild. Vektortext wird vom RIP zwar in der Phase der Plattenbelichtung trotzdem gerastert, aber mit voller Konturpräzision, ohne die Verluste, die entstehen, wenn ein Buchstabe zuvor als Bitmap gespeichert wurde.

Bevor du eine Datei mit kleinem Text verschickst, prüfe

  • Ob der gesamte kleine schwarze Text in 100% K vorliegt und nicht als CMYK-Registerschwarz
  • Ob Text unter 8 Punkt nicht auf komplexem, gerastertem Hintergrund ohne Kontrast liegt
  • Ob du eine Schrift mit ausreichend kräftigem Strich verwendest, keine extrem dünne Light- oder Hairline-Variante
  • Ob der Text als Vektor gespeichert ist, nicht als in ein Bild gebrannte Bitmap
  • Ob die Datei eine Auflösung von 300 dpi im Maßstab 1:1 für grafische Elemente hat
  • Ob die Datei im Format PDF/X-1a oder als korrektes Komposit-PDF gespeichert ist

Und was ist mit Etiketten und kleinem rechtlichem Pflichttext

Etiketten sind eine eigene Geschichte, denn dort ist kleiner Text, Zutatenlisten, Warnhinweise, Codes, die Norm und keine Ausnahme. Das häufigste Problem bei Etikettendateien beginnt gar nicht beim LPI-Wert, sondern bei einer fehlerhaften Schnittkontur, fehlenden Sicherheitszonen und einem unüberlegten Kontrast der kleinen Typografie, was die Lesbarkeit der ohnehin kleinen Buchstaben zusätzlich verschlechtert. Wenn du ein Etikett mit Text in 5 bis 6 Punkt gestaltest, solltest du von vornherein davon ausgehen, dass sich jede unvollkommene Entscheidung, gemischte Farbe statt vollem Schwarz, dünner Schriftschnitt, fehlender Kontrast zum Hintergrund, stärker auf die Lesbarkeit auswirkt als bei größeren Formaten, denn dort gibt es keinen Spielraum für Fehler.

Merke dir eine Sache aus diesem ganzen Artikel, wenn sonst nichts: kleiner Text braucht keinen höheren LPI-Wert, er braucht volle Farbe und keine Rasterung. Das ist die einfachste und wirksamste Korrektur, die du an einer Datei vornehmen kannst, bevor sie auf die Maschine kommt.

Lässt sich das noch maschinenseitig verbessern

Teilweise ja. Die Wahl von LPI, Rasterwinkeln und Rasterungsart (zum Beispiel runder Punkt gegenüber stochastischem Raster) sind Entscheidungen, die in der Druckvorstufe getroffen werden, abhängig vom Bedruckstoff und der Auftragsspezifikation. Wir wählen die Technologie passend zur Auflage und Spezifikation des Auftrags, denn ein Etikett auf Folie erfordert einen anderen Ansatz als ein Katalog auf mattem gestrichenem Papier, und ungestrichenes Papier verhält sich beim Farbverlauf anders als gestrichenes. Aber keine Maschineneinstellung kann Text reparieren, der in der Quelldatei als vierfarbiges Schwarz oder als Bitmap mit zu niedriger Auflösung gespeichert war. Die Druckvorstufe repariert hier mehr als die Produktion selbst.

Wenn du an einem Verpackungs- oder Etikettenprojekt mit viel kleinem rechtlichem Pflichttext arbeitest, ist es eine gute Angewohnheit, eine Testseite im Maßstab 1:1 auf einem gewöhnlichen Bürodrucker auszudrucken und sie aus der Entfernung zu lesen, aus der das Produkt tatsächlich im Regal gelesen wird. Das ist kein vollständig aussagekräftiger Test für den Offsetdruck, aber er erkennt schnell extrem problematische Fälle, bevor die Datei zur Belichtung geht.

Rasterung und LPI sind ein Thema, um das die meisten Druckereikunden einen großen Bogen machen, weil es technisch und unnötig kompliziert klingt. Schade eigentlich, denn das Verständnis dieses einen Zusammenhangs, dass volle Farbe scharf gedruckt wird und eine Farbmischung in Punkte gerastert wird, erspart bei der Abnahme der Auflage wirklich eine Menge Nerven.

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